Bergtour Rätikon (2008)

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Bereits beim vierstündigen Aufstieg von Tschagguns zur Lindauer Hütte schienen alle Hoffnungen auf kommende fünf Sonnentage buchstäblich in Nebel und Regen versinken zu wollen.

 

So blieb den Teilnehmern bei der Ankunft an der Lindauer Hütte leider auch der Blick auf die Drei Türme verwehrt, die sich bei gutem Wetter imposant hinter der Hütte erheben. Die feuchten Lasten im Trockenraum zurückgelassen, war die warme Stube ein geeigneter Platz um sich zu regenerieren und weiter mit den neun anderen Tourteilnehmer/innen bekannt zu machen. Die Zusammensetzung der Gruppe hätte zwar, bei einem Altersspektrum von 29 bis 73 Jahren, nicht gemischter sein können, doch stellten sich sehr schnell etliche Vorteile dieser Konstellation heraus. Stets sachkundige Auskünfte über die alpine Flora und Fauna, spannende Bergsteigergeschichten am Abend oder einfach jemanden, der einem den Rücken mit Franzbrandwein einreibt- um nur einige Vorzüge zu nennen. Wie an so manchem Abend auf einer Hütte, spielte an unserem ersten gemeinsamen Abend natürlich auch die Wettervorhersage eine wichtige Rolle. „Bis Montag wird es immer besser- nur am Sonntag eine kleine Störung möglich“ hieß es seitens des Hüttenwirts. Also stand unserer viertägigen Wanderung ja „fast“ nichts mehr im Wege.

 

Bereits am nächsten Morgen war die Besserung des Wetters offensichtlich: es hatte aufgehört zu regnen und die Wolken schienen langsam abzuziehen. Über den Bilken Grat und vorbei an Tilisuna-See und Tilisunahütte stiegen wir hinauf auf das weiträumige  „Karrenfeld“ aus zerklüftetem Kalkstein, über das wir an den Fuß der 2818 Meter hohen Sulzfluh gelangten. Als die Nachhut unserer Gruppe den Gipfel erreichte, hatten unsere Ersten bereits Bekanntschaft mit einem Schweizer Paar gemacht, die den Gipfel über den neuen Sulzfluh-Klettersteig von der Schweizer Seite aus bestiegen hatten. Der Aufstieg über den neuen Klettersteig sei „Adrenalin pur“ beschrieb die Schweizerin die Route. Der wiederholte ironische Austausch über diese Beschreibung bescherte unserer Gruppe mehr oder weniger ungewollt einen Leitspruch, der, selbstverständlich in akzentfreiem Schwitzerdütsch vorgetragen, des Öfteren zu Hochansteckenden Lachattacken führte.

 

Dass uns tatsächlich noch eine Fluchtsituation bevorstand, konnte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch niemand ahnen.

 

Durch den Gemstobel, der sich bereits auf Schweizer Gebiet befindet, gelangten wir hinunter auf den Weg, der unterhalb der Sulzfluh auf 2200 Metern bis zur Carshina-Hütte des SAC führt.

 

Der Samstagmorgen begrüßte uns mit strahlendem Sonnenschein, einer hervorragenden Sicht auf die Südseite der Sulzfluh, der drei Türme und unserem nächsten Gipfel, der 2965 Meter hohen Schesaplana.

 

Unterhalb der drei Türme und dem Drusenfluh folgten wir ohne nennenswerten Höhenverlust einem herrlichen Wanderweg, der uns bis zum Einstieg des Schweizer Tors führte, durch das wir wieder auf österreichisches Gebiet gelangten. Als Höhepunkt dieses Tages kann sicherlich der erste Blick auf den Lüner See gelten, den wir nach weiteren 1 1/2 Stunden Marsch erreichten. Einige von uns nutzten die seenahe Jausestation zu einer kurzen Stärkung, während andere das ersehnte Bad im eiskalten Lüner See auf eine kneipsche Wassertretanwendung beschränken mussten. Das gute Wetter und die Seilbahn, die zum See hinauf führt, sorgten für regen Publikumsverkehr, der die letzten 300 Höhenmeter zur Totalphütte zusätzlich anstrengend machte, aber an der Hütte angekommen waren die Strapazen schnell vergessen.

 

Bereits in der Nacht kündete das Trommeln minutenlanger Hagelschauer auf dem Dach der Totalphütte von einem Wetterumschwung. Trotzdem erreichten wir den Gipfel der Schesaplana am nächsten Morgen weitgehend trocken, hatten von dort jedoch nur eingeschränkte Sicht. Als wir nach dem Abstieg das Ufer des Lüner Sees erreichten, hatten sich die Wolken bereits so verdichtet, dass die akustischen Leckerbissen des Internationalen Alphornbläsertreffens an der Douglas-Hütte von uns als „mysteriös Geräusche aus dem Nebel“ gedeutet wurden. Direkt am Ende der Staumauer des Sees, der wegen seiner Akustik in Alphornbläserkreisen sehr beliebt ist, beginnt der Saulajochsteig. Kurz nach dem Einstieg begann es zu regnen. Spätestens jetzt kam der Gedanke an diese „kleine Störung“ wieder in unser Bewusstsein. Der Steig, der bei gutem Wetter sicherlich ein alpiner Leckerbissen ist, verwandelte sich bei immer stärker werdendem Regen zu einer in Wolken gehüllten, rutschigen Endloshürde. Die Seilsicherungen, die in diesem Moment eine überlebenswichtige Einrichtung darstellten, waren im nächsten Moment eine große Gefahr. Erstes Donnergrollen war zu hören. Der Regen wurde noch stärker und dem immer lauter werdenden Donner gingen zuckende Blitze voraus. Der Steig schien nicht enden zu wollen.

 

Als wir endlich das Saulajoch erreicht hatten, schien das Schlimmste überstanden. Plötzlich regnete es jedoch wieder stärker und am Ende des Saulajochs stand die Gewitterwand vor uns, die wir vorher noch im Rücken hatten. Unsere Lauf-Geschwindigkeit erhöhnte sich mehr und mehr. Heftige Sturmböen und Hagel setzten ein bis endlich im Dunst, 200 Meter unter uns die Heinrich-Hüter-Hütte in Sicht kam.

 

Der Abstieg über einen Weg, der sich durch den heftigen Niederschlag in ein kleines Rinnsal verwandelt hatte, hätte eher den Namen „Abrutsch“ verdient und stellte die letzte Hürde dieses Tages dar. Kaum hatten alle mehr oder weniger sauber und wohlbehalten die Hütte erreicht, riss der Himmel auf und es hörte auf zu regnen. Die „kleine Störung“ sollte an diesem Abend unser wichtigstes Gesprächsthema sein und einige empfanden sie sogar als „Adrenalin pur“.

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