Im Banne des Mont Blanc – westseitig um den König der Alpen

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Im Banne des Mont Blanc – westseitig von Chamonix bis Courmayeur um den König der Alpen
Verfasserin: Gisela Metzler – Fotos: Teilnehmer

7-tägige Hüttentour durch eine Landschaft mit fantastischem Farb- und Formenreichtum: Weiß, Grau, Himmelblau, Tannengrün und Schwarz wechseln sich immer wieder ab, die Formen variieren zwischen sanft gewellt bis schroff abweisend. Das verspricht meine Ausschreibung und unsere Vorfreude ist riesig. Allerdings sind die Wetteraussichten für unsere Wanderwoche über sieben Pässen vom 28.08. – 3. 09.2019 leider nur mittelprächtig und stellen für die meisten Tage Gewitter in Aussicht. So sind wir zugleich sehr gespannt, was uns vor Ort erwartet.
Tag 1 – Zügiges Eingehen
Nach der ca. 6-stündigen Fahrt über Bern und Martigny nach Les Houches bei Chamonix nehmen wir bei mittelmäßiger Sicht die Seilbahn nach Bellevue und genießen dort oben zunächst den Blick auf den Bionassay-Gletscher, bevor wir - teils auf schmalem und felsigem Steig – in südlicher Richtung erst mal hinunter in das Gletscherbecken steigen. Auf einer Hängebrücke überqueren wir den beeindruckenden Gletscherabfluss und steigen dann hinauf zum Col de Tricot (2.120 m), von wo sich der nächste Gletscher zeigt. Jetzt wartet ein längerer steiler Abstieg hinunter zum Refuge de Miage unterhalb des Miage-Gletschers auf uns. Von unserem ersten Quartier, dem urigen Refuge du Truc (1.750 m) in wunderschöner Aussichtslage trennt uns inzwischen nur noch ein kurzer und schweißtreibender Steilaufschwung. Die Besteigung des Hausbergs, den Mont Truc, heben wir uns nach den heutigen ersten vier Wanderstunden für den nächsten Morgen auf. Weil wir zügig unterwegs waren, haben wir vor dem Abendessen genügend Zeit für die Happy Hour. Mit 42 € ist die Halbpension heute sehr günstig. Dazu passend fallen sowohl die Schlafplätze als auch das Abendessen zum Auftakt einfach aus.

Tag 2 – Rauf runter rauf runter rauf
Nach dem spartanischen Frühstück stürmen wir erst mal den Hausberg und genießen die herrliche Aussicht in die umliegende und heute viel freundlicher wirkende Gletscherwelt und nach Westen und Richtung Norden bis zu den Bergen jenseits des Arvetals. Beim anschließenden Abstieg fast hinunter bis zum Wintersportort Contamines-Montjoie kommen uns immer wieder UTMB-Läufer aus aller Herren Länder entgegen, die wir alle kräftig anfeuern.
Während des Aufstiegs zum Refuge Tré de la Tête (1.970m) bilden wir an einem Abzweig zwei Gruppen. Die einen nehmen die alpinere Variante und steigen zunächst steil auf, während die anderen erst noch mal ein Stück absteigen, bevor sie wieder an Höhe gewinnen und dann das letzte Stück auch wieder aussichtsreich weitergehen. Alle erreichen gleichzeitig das auf einem Aussichtsbalkon thronende Hütten-Zwischenziel und stärken sich erst mal mit diversen Kuchen. Gleichzeitig laden einige von uns ihre Handy-Akkus auf, indem sie abwechselnd und CO2-neutral auf einem dafür installierten Rad in die Pedale treten, um den Strom dafür zu erzeugen.
Dann geht’s – zunächst vor alpiner Kulisse und später im Wald - wieder 600 m hinunter bis zu einem Wasserfall und nach der Überquerung eines Baches relativ flach und dennoch schweißtreibend hinauf zum Chalet de la Balme (1.706 m), wo wir heute übernachten. Unseren großen Durst nach den zurückgelegten 15 km und 6,5 bis 7 Std. Gehzeit löschen wir mit Blick auf imposante, Dolomiten-ähnliche Felswände und sind froh, dass sich das angekündigte Gewitter nur trocken mit einem einzigen heftigen Donnerschlag entlädt.

Tag 3 – Heute geht’s ums Eck
Nach einem erneut spärlichen, diesmal jedoch wahlweise und gegen Aufpreis erweiterbaren Frühstück nehmen wir bei bestem Wetter den wie immer bestens ausgeschilderten Weg hinauf zum Col du Bonhomme (2.329 m) und zum Col du Croix de Bonhomme (2.479m). Die meisten gehen das kleine Stück hinunter zum schön gelegenen Refuge du Col de la Croix du Bonhomme (2.433 m), um sich dort zu stärken. Anschließend steigen wir die zumindest laut Wanderführer alpinere Variante Richtung Norden zum Col du Fours (2.665m), dem höchsten Punkt unserer Wanderwoche. Von hier öffnet sich der Blick auf die Aiguille des Glaciers mit dem sehr hochtrabend benannten Ghaccaio dei Ghaccaio. Dieser Anblick begleitet uns beim Abstieg Richtung Osten bis zur Ville de Glacier (1.789m), die allerdings nur aus wenigen Häusern besteht, und beim letzten sanften Aufstieg zum Chalet-Refuge des Mottes (1.870 m), unserem dritten und sehr schönen Quartier. Hinter uns liegen 14 km Wegstrecke, gut 1.000 Aufstiegs- und 900 Abstiegsmeter und wir waren heute ca. 7 Stunden unterwegs. Zur Belohnung werden wir ganz besonders lecker und reichlich bekocht, und nach dem Abendessen spielt die charmante und engagierte Hüttenwirtin einige Lieder auf der Drehorgel.
Für einige Wanderer, die nicht in den Schlaf finden, bietet sich nachts ein interessantes Schauspiel. Einer Glühwürmchenkette gleich ziehen sich die Läufer des UTMB im Zick Zack-Kurs den Berg hinauf und über diesem Spektakel - sehr eindrucksvoll - ein gigantischer Sternenhimmel.  

Tag 4 – Auf nach Bella Italia
Heute steht die kürzeste Etappe an und es geht - wieder bei herrlichem Wetter - hinauf zum Col de la Seigne (2.515 m), den wir am Vortag schon gut sehen konnten und über den die französisch-italienische Grenze verläuft. Auf dem Pass angekommen und jetzt ganz nahe an der Aiguille des Glaciers mit ihrem imposanten Gletscher legen wir eine Pause ein und genießen von hier nun auch den Blick nach Osten ins Vallone del la Lée Blanche und auf die Pyramides Calcaires, die sich anscheinend hierher verirrt haben. Ein Stück weiter im Osten im Wallis zeigt sich der mächtige Grand Combin.
Beim Abstieg Richtung Refuge Elisabetta Soldini (2.197 m), unserem nächsten Quartier, kommen wir an einem Gebäude vorbei, dass sich als ein interessantes Informationszentrum über das Mont Blanc-Massiv entpuppt und das einige von uns besuchen. Andere aus der Gruppe begeistern sich währenddessen über die  vielen Murmeltieren ganz in der Nähe und schießen ganz viele Fotos von den putzigen Tieren, die sich für den baldigen Winter bereits den überlebensnotwendigen Speck angefuttert haben.
Schon bald erreichen wir unser viertes Quartier und ein Teil der 11-köpfigen Gruppe macht es sich bis zum Abendessen auf der Aussichtsterrasse gemütlich. Diejenigen, die nach der kurzen Etappe von nicht mal vier Stunden noch nicht genug haben, erkunden jetzt noch das Gebiet oberhalb der Hütte und entdecken schon bald einige Steinböcke. Wir besteigen recht steil, mühsam und anspruchsvoll eine hohe Moräne. Und weil einer aus der Gruppe noch nie einen Gletscher aus der Nähe gesehen hat, steigen die Herren der Schöpfung dann im Schutt auch noch hoch bis zum Rand des Ghaccaio d’Estelette.
Im Laufe des Abends klart es immer mehr auf und wir erleben eine großartige Abendstimmung mit freiem Blick hinauf zur imposanten Aiguille de Tré de la Tête, einem Beinahe-Viertausender, deren Gipfel fast 2.000 m über uns thront.

Tag 5 – Panoramatour vom Feinsten
Die heutige Etappe bis nach Chamonix, ein Höhenweg oberhalb des Val Veny, soll aufgrund des ganz besonderen Panoramas eine der schönsten Bergwanderungen der Alpen sein und wir sind sehr gespannt, was uns erwartet.  Zunächst steigen wir hinunter in das Sumpf- und Seengebiet Lac Combal (2.019 m). Am Ende des Hochtals machen wir diesmal alle einen kleinen Abstecher hinauf auf eine weitere Moräne, von der wir den Rest des einst viel größeren Gletschersees Lac Miage und die umliegenden Eismassen bestaunen, die allerdings von großen Schuttmassen bedeckt sind.
Den direkten Abstieg auf eine Fahrstraße Richtung Courmayeur lassen wir links liegen und steigen hinauf zu den Ruinen der Alphütten Vieille sup. (2.430), vis à vis die Südabstürze des Mont Blanc. Dank des anhaltend schönen Wetters sehen wir von hier auch den Gipfel des Mont Blanc de Courmayeur. Auch sonst werden reichlich Fotomotive geboten und die spektakuläre Aussicht lädt zu ausgiebigen Pausen ein. Schließlich kommen wir durch das ruhende Skigebiet oberhalb von Courmayeur, wo wir uns bei einer sogenannten Gîte d’Étappe (Etappen-Unterkunft) – diesmal auch zusammen mit vielen Seilbahntouristen - erst mal wieder mit Kaffee und Kuchen verwöhnen lassen. Dann teilen wir uns wieder in zwei Gruppen auf. Während die einen die 800 m zu Fuß absteigen, wählen die anderen das Wellnesspaket und schweben vom Col Chécrouit knieschonend mit dem Sessellift und der Kabinenbahn hinunter nach Dolonne und Courmayeur (1.230 m) und schauen sich dort – vermutlich UTMB-bedingt - in der besonders trubeligen Fußgängerzone noch ein bisschen um, bevor wir teils mit dem Bus und teils zu Fuß die restlichen 5 km nach Pré-St-Didier (1.004 m) wandern oder fahren. Hier übernachten wir nach der heutigen 5 bis 6-stündigen Etappe zur Abwechslung mal ganz gediegen im Albergo Edelweiss und genießen die Doppelzimmer mit Dusche. Das appetitanregende Menu mit großer Auswahl weckt bei Allen große kulinarische Erwartungen, die sogar noch übertroffen werden.

Tag 6 – Langer Aufstieg
Nach einem äußerst üppigen Frühstück nehmen wir den Bus zurück nach Courmayeur. In der hübschen Fußgängerzone müssen wir aufpassen, dass wir niemanden verlieren, während einige erst mal Proviant für den letzten Wandertag kaufen. Dann wartet der Aufstieg Richtung Refuge Bertone (1.990 m), zunächst bis zu einem schönen Aussichtspunkt oberhalb von Courmayeur, wo wir zum Sammeln eine erste Pause einlegen. Die zweite schon kurz darauf mit Bewirtung auf der Terrasse des Rifugio Bertone. Weiter geht es hoch über dem italienischen Val Ferret über den Mont Saxe (2.348 m) und ab hier mit großartiger Sicht vor allem auf die wilde Fels- und Gletscherwelt der Grandes Jorasses gegenüber, deren Gipfel sich heute leider in den Wolken verstecken.
Belohnt werden wir für die heutige sehr lange Etappe mit 1.540 Höhenmetern beim Abstieg zu unserem letzten Quartier immerhin mit dem nahezu freien Blick auf die beiden Beinahe-Viertausender Aiguille de Triolet und Mont Dolent mit ihren wunderschönen weißen Gletschern, und als wir - noch deutlich über der Bonatti Hütte (2.025m) - ums Eck kommen, hat sich auch der Gipfel des Monarchen seines Nebelkleides entledigt und präsentiert sich uns zum ersten Mal. Entgegen mancher Erwartung macht der eigentlich Weiße Berg jetzt aufgrund des Sonnenstandes seinem Namen allerdings erst mal keine Ehre.
Nach diesem langen Tag schlafen wir in der knallvollen und bestens organisierten Hütte zum Abschluss noch mal ziemlich komfortabel in schönen und geräumigen Zimmern. Im Laufe des Abends lösen sich draußen die Wolken vollständig auf und als weitere Belohnung für die lange Tour können wir einen wunderschönen Sternenhimmel bestaunen.
Tag 7 – Jackpot!
Wow – welch großartiger Anblick beim Aufstehen: Der Mont Blanc glüht in der Morgensonne, bevor er sein weißes Kleid anzieht.
Wie schon bei den früheren gemeinsamen Touren wartet auch heute wieder ein ganz besonderes Abschlussschmankerl auf uns. Nach einem letzten Gruppenfoto heißt es bei Kaiserwetter zunächst knapp 400 m absteigen nach Lavachey (1.642 m) im italienischen Val Ferret. Tollerweise erwischen wir sofort einen Bus, der uns ganz bequem und zeitsparend nach Entrèves bringt. Von hier kann man – ohne Bergsicht und als Plan B - den Bus durch den Mont Blanc-Tunnel zurück nach Chamonix nehmen. Wir haben allerdings die ganze Woche dem Wetter am letzten Tag entgegengefiebert und sind begeistert, dass Plan A funktioniert. Statt der monotonen Fahrt durch den Tunnel fahren wir wie erhofft mit der Drehkabinen-Seilbahn über 2000m hinauf zur Punta Helbronner (3.462m). Das durch einen Fußgängertunnel erreichbare Rifugio Torino Nuevo (3.375 m) sparen wir aus und genießen die grandiose Fernsicht von der Aussichtsplattform der Bergstation. Die reicht von den ganz großen Walliser Gipfeln, unter anderem mit dem Grand Combin, dem Matterhorn und dem alles überragenden Monte Rosa-Massiv im Osten über die großen Gipfel südlich des Aostatals bis zur Dauphiné im Südwesten mit der gut sichtbaren Barre des Écrins, dem südlichsten 4000er der Alpen. Und zum Greifen nah zeigen sich uns der Mont Blanc und seine Trabanten einschließlich der besonders imposanten Aiguille bzw. Dent du Géant.
Schließlich fahren wir mit drei kleinen Gondeln weiter über die riesige Gletscherwelt hinüber bis zur Aiguille du Midi (3.842m). Aus unseren kleinen Gondeln sehen wir tief unter uns einige Seilschaften und reichlich Spuren in die verschiedensten Richtungen und kommen zuletzt über das Vallée Blanche, den ersten und namengebenden Teil einer legendären 18 km langen Skiabfahrt.
Angekommen auf der französischen Bergstation hoch über dem Bergsteigerort Chamonix, der 2.800 m unter uns liegt, gönnen wir uns noch mal eine Stunde Zeit, um die neuen und weiterhin faszinierenden Perspektiven und Ausblicke, jetzt auch in die Nordflanke des Monarchen und seine direkten Nachbarn, in uns aufzusaugen.  
Dieses Seilbahn- und Aussichtsvergnügen der Extraklasse hat mit 118 Euro zwar einen stolzen Preis, doch wir sind total begeistert und uns alle einig, dass dieses großartige Erlebnis sein Geld auf jeden Fall wert ist und dass diese ganz besondere Unternehmung an einem so herrlichen Tag ein absolutes Muss ist.
Weil noch eine lange Heimfahrt vor uns liegt, halten wir uns an meine Zeitvorgabe und fahren schließlich mit der Gondelbahn hinunter nach Chamonix. Von dort nehmen wir den Zug zurück nach Les Houches und können dann während der mindestens 6-stündigen Heimfahrt die vielen Eindrücke unserer vielseitigen und wunderschönen Wanderwoche und vom heutigen Erlebnis der Extraklasse nachwirken lassen und uns gleichzeitig auch schon auf die zweite Hälfte der Tour du Mont Blanc in einem Jahr freuen.

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