Nord- und westseitige Tour du Combin (25.08.-31.08.2021)

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Himalaya-Feeling in den Walliser Alpen – nord- und westseitige Tour du Combin

Verfasser: Armin Müller        Fotos: Teilnehmer
So lautet die Tourenausschreibung unserer Tourenleiterin von der Bezirksgruppe Leonberg. „Ob das wohl gut ist? Egal, anmelden und mitgehen.“ Soweit meine Gedanken nach dem Erscheinen der Ausschreibungen. Hat es geklappt? Wir werden sehen.
Beim Vortreffen im Juli erfahren die Neuen unter Giselas Teilnehmern, dass der erste Teil der Wanderwoche westlich des Großen St. Bernhard-Passes einer offenen Rechnung aus dem Vorjahr geschuldet ist.
Mittwoch – TMB Revival Teil 1
Los geht es Ende August mit dem lästigen Teil einer Bergtour, der Anfahrt. Unsere drei Fahrgemeinschaften treffen sich pünktlich zur Fahrt mit dem Mont Blanc Express in Martigny. Diese Zahnradbahn auf einer kühn angelegten Trasse führt uns erst mal Richtung Westen und über die französische Grenze nach Vallorcine (1256m). Von dort überwinden wir die ersten 700 Höhenmeter mit der Seilbahn. Die restlichen 250 Höhenmeter zum Col de Balme (2191m), einem Pass mit gleichnamiger Hütte, meistern wir dann zu Fuß. Anlass dieses kurzfristig geplanten Schwenks nach Frankreich: Bei der Tour du Mont Blanc im Vorjahr verhinderte ein Wintereinbruch die dort ‚versprochene‘ Aussicht auf das Mont Blanc-Massiv im Westen.
Leider sind auch heute die meisten Gipfel um uns herum verhüllt, diesmal immerhin mit Schönwetterwolken. Doch für alle, die etwas genauer hinschauen, zeigt sich zwischen dem Wolkenvorhang ein Teil der Schneemütze des Mont Blanc-Gipfels und die Aussicht macht Lust auf mehr.
Ab dem Pass sind wir wieder in der Schweiz. Von hier geht es 900 m bergab Richtung Trient, wo wir im Auberge de la Grande Ourse übernachten. Der Einstieg in eine vielversprechende Tourenwoche ist geschafft und wir sind gespannt auf die morgige Etappe, eine alpine Variante der Tour du Mont Blanc und eine weitere offene Rechnung aus dem Vorjahr.
Donnerstag - TMB Revival Teil 2 mit Knietest
Wir sind warmgelaufen und freuen uns auf einen abwechslungsreichen Tag mit der Aussicht auf 1400m Aufstieg und gut 1000m Abstieg bei fantastischem Wetter und auf tolle Ausblicke. Im Aufstieg haben wir lange den Gletscherbruch des Glacier du Trient im Blick. Am Fenêtre d’Arpette (2665m), unserem heutigen höchsten Punkt, ist nicht nur unsere Tourenleiterin begeistert von einer Fernsicht, die eigentlich kostenpflichtig wäre. Wir sehen – zumindest laut Peak-Finder-App – einige prominente Walliser Viertausender wie den Dom, das Weißhorn und die Dent Blanche. Ohne Wolkenvorhang zeigen sich in der näheren Umgebung der Mont Rogneux („…da können wir rauf, wenn die Knie mitspielen…“), der Mont Blanc de Cheilon und zumindest schon mal der Petit Combin.
Der Abstieg vom Joch beginnt – zumindest im Empfinden mancher aus der Gruppe und auch laut Hangneigungskarte - extrem steil und rutschig, und während die einen voll in ihrem Element sind, tun sich andere mit diesem Weg und dann auch mit dem nicht enden wollenden Blockgelände ziemlich schwer. In der anderen Richtung wäre dieser Übergang wohl angenehmer zu gehen. Doch schließlich erreichen wir alle wohlbehalten unser Tagesziel, das Relais d’Arpette. Zum Abendessen gibt es - ähnlich wie am Vortag – wieder Gemüsesuppe, Teigwaren mit Fleischsoße und Nachtisch.
Weil zwei Teilnehmer hier die Tour beenden, sind wir ab morgen ‚nur‘ noch zu elft unterwegs sind.
Freitag – Himalaya-Feeling?
Der Tag beginnt mit einem kurzen Abstieg nach Champex entlang einer Bisse, einem der vielen fürs Wallis typischen Wasserkanäle. Nach einer kurzen Kaffee- und Einkaufspause bringt uns ein Shuttlebus in einer ca. einstündigen Autofahrt ins Val de Bagnes östlich des Gr. St. Bernhard-Passes. Vom Hotel unterhalb der Staumauer des Lac de Mauvoisin (1841m) starten wir noch vor Mittag zu unserer nächsten Etappe, der ersten im Rahmen der Teilumrundung des Grand Combin. Sie führt uns zunächst steil und umgeben von üppiger Vegetation, dann moderat ansteigend und immer karger über knapp fünf Kilometer aufwärts. Während einer der Pausen können wir die Gipfel vom Vortrag aus nächster Nähe bestaunen. Schließlich erreichen wir den Col des Otanes (2846m), wo sich überraschend der Blick öffnet und ein atemberaubendes Panorama freigibt. Hier kommt tatsächlich Himalaya-Feeling auf!
Das Blockgelände vor uns leitet den Blick auf den Glacier de Corbassière, der zwischen zwei zerklüfteten Massiven nordwärts Richtung Val de Bagnes fließt. Darüber erheben sich links die eisgepanzerten Grands Combins. Dieser Bergstock hat drei Hauptgipfel - der höchste auf 4314m. Gegenüber thront der Combin de Corbassière und rechts leuchtet die markante Eishaube des Petit Combin in der Sonne. Bei Kaiserwetter machen wir ausführlich Pause vor einer der imposantesten Kulissen, die das Wallis zu bieten hat. Schließlich raffen wir uns auf für den halbstündigen Abstieg zur nächsten Hütte, der Cabane Bagnoud/FXB Pannosière (2641m), die gut sichtbar auf einer Moräne thront. Auf der Terrasse lassen wir es uns wieder gutgehen und genießen das großartige Panorama.
Für eine Wandertour im Hochgebirge fehlt eigentlich noch etwas Grat-Kraxelei und eine schwankende Hängebrücke. Beides sind Optionen für den Folgetag. Nach dem leckeren Abendessen diskutieren wir die Optionen für den Weiterweg zur Cabane du Col de Mille am nächsten Tag. Es empfehlen sich zwei Routen mit verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten. Zur Wahl steht ein Höhenweg, dessen schöne Aussicht ebenso reizt wie die lässigen 660 Höhenmeter im Aufstieg und 820 Hm im Abstieg, oder, alpin, die Überschreitung des Mont Rogneux (3084m) mit ca. 1200m im Aufstieg und insgesamt 1350m im Abstieg. Wir beschließen, uns am nächsten Morgen abhängig vom Wetter zu entscheiden. Wegen der Gefährlichkeit der Besteigung der riesigen Moräne auf der gegenüberliegenden Seite des Gletschers rät uns der Hüttenwirt von der direkten Route ab der Hütte schon mal ab.
Samstag – mit Händen und Füßen
Nach einem Gruppenfoto bei freier Sicht auf den bzw. die Grands Combins starten wir bei frischen zwei Grad und teils bei leichter Bewölkung von der Hütte talabwärts. Eine dreiviertel Stunde später erleben wir eine Überraschung: Laut Info-Tafel überwindet eine 190m lange Hängebrücke in 70m Höhe das Tal mit der Gletscherzunge und erspart uns den mühsamen Abstieg durch die Talsohle. 400 000 Franken hat die Gemeinde Bagnes für diese Verbindung der Cabane Marcel Brunet mit der Cabane F.-X. B. Panossière über den Col des Avouillons investiert. Zuletzt hatte sich der Gletscher um bis zu fünf Meter pro Jahr zurückgezogen, und wegen des rapiden Gletscherschwunds war der alte Weg gefährlich geworden.
Wir haben viel Spaß an der Brücke und die technisch Interessierten unter uns schauen sich die Konstruktion sehr genau an. Ab hier genießen wir auch immer wieder die Rückblicke auf den mächtigen Corbassière Gletscher und den Eispanzer des Grand Combin. Auf Höhe der gletschergeschliffenen Felsen kommen wir zu einem Abzweig. Statt den bequemeren Höhenweg einzuschlagen, steigen wir munter hoch zum ersten heutigen Joch, dem Col des Avoullions (2649m), wo wir erst mal eine Pause einlegen und überlegen, welcher der Gipfel im Westen wohl der Mont Rogneux ist, den wir heute vielleicht besteigen. 300 Abstiegsmeter später entscheiden wir uns endgültig gegen den Höhenweg und für die alpine Variante. Dass dies eine gute Wahl ist, wird sich noch zeigen.
Also geht es weiter bergauf, zunächst bis zu einer kleinen Alpe, der Buvette de Pindin (2350m). Da passt es gut, dass gerade Mittagszeit ist und wir uns erst mal mit Käse und Milch von der einzigen Kuh der Alpe, mit Brennesselsuppe oder Rahmkuchen und Kaffee stärken können. Bald geht’s weiter, denn wir haben noch ein gutes Stück Weg und 750 Höhenmeter vor uns. Wir kommen immer höher und erreichen einen Pass, der nicht nur den Blick auf einen wunderschönen Bergsee, den Goli d’Aget freigibt, sondern auch auf unser Gipfelziel, und es lässt sich erahnen, dass es bis dort noch ziemlich weit ist.
Ein kurzes Stück verbindet sich unser Weg jetzt mit der Tour des Lacs durch karge Schotterfluren und vorbei an einem dieser Seen. Bald leiten uns die weißblauen Markierungen durch immer anspruchsvolleres Gelände, links jetzt immer der Petit Combin im Blick. Der Weg wird steiniger, zwischendurch mal extrem steil und dank der trockenen Erde sehr rutschig, und immer wieder auch blockig. Schließlich gelangen wir – jeder in seinem Tempo und nicht besonders ausgesetzt - mit einigen einfachen Kletterstellen über den Grat auf den Mont Rogneux. Auf 3084 Meter über dem Meer genießen wir bei strahlendem Sonnenschein die herrliche Aussicht. Das Mont Blanc-Massiv jversteckt sich leider in den Wolken, doch im Süden zeigt uns Gisela den Mont Vélan, den wir gegen Ende unserer Tour auch noch aus nächster Nähe bestaunen werden. Im Abstieg zur Cabane du Col de Mille sind zunächst wieder einige Block-Klettereien zu meistern. Im steilen Gelände und auf immer wieder auch rutschigem Steig überrascht uns ein entgegenkommender Radler, der hier sein Sportgerät auf dem Rücken trägt. Der Weg bis zum heutigen Quartier zieht sich ähnlich wie der Aufstieg zu unserem heutigen Gipfel, dem einzigen nennenswerten während unserer Wanderwoche. Nach einem langen Tag erreichen wir gegen halb sechs endlich den Col de Mille (2473m) mit der gleichnamigen neuen und hell und freundlich gestalteten Hütte. Gleich darauf wird schon das Abendessen serviert, das wir uns redlich verdient haben. Für den nächsten Tag stellt Gisela uns einen „Ruhetag“ in Aussicht, sofern wir die einfache Route wählen.
Sonntag - Ruhetag
Schon wieder Kaiserwetter und eine großartige Sonnenaufgangsstimmung vor dem Frühstück! Auf dem Programm steht zunächst ein netter Spaziergang auf den Mont Brûlé, den Hausberg 100 m über der Hütte. Vor uns breitet sich hier oben das gesamte östliche Mont Blanc-Massiv aus und ganz in der Ferne zeigt sich auch die schneeweiße Haube des ‚Monarchen‘, der seinem Namen ‚Weißer Berg‘ alle Ehre macht. Zurück bei der Hütte genießen wir noch ein Weilchen die Sonne und machen uns schließlich auf den 13 km langen Weg hinunter nach Bourg-Saint-Pierre am Großen St. Bernhard Pass. Der Weg gestaltet sich dann doch länger und belohnt uns mit einem großartigen Panorama. Zurück in der Zivilisation auf 1632m setzen wir den ‚Ruhetag‘ bei Cappuccino und Heidelbeerkuchen auf der Terrasse eines Hotels mit gehobenen Preisen fort, bevor wir die letzten Meter zu unserem heutigen günstigeren Quartier gehen. Beim Einchecken in unserem einfachen Hotel erklärt uns der Wirt, dass sie am nächsten Tag Ruhetag haben und es kein Frühstück gibt. So legt sich unsere Tourenleiterin ins Zeug und kann schließlich für den nächsten Morgen doch ein Frühstück aushandeln, allerdings schon um 6 Uhr. Das soll sich jedoch noch als sehr hilfreich erweisen. Abends essen wir zur Abwechslung à la Carte und erleben einen lustigen Abend.
Montag – nur für Schwindelfreie
Bei der Tourenbesprechung am Vorabend sind die Würfel gefallen zugunsten der alpinen Variante unseres heutigen Aufstiegs zur letzten Hütte. Dafür sind absolut nur 1400 Hm zu meistern. Wegen einiger Zwischenabstiege summiert sich das allerdings auf satte 1770 Höhenmeter und so wird es heute noch mal ernst. Geschickt, dass wir am nächsten Tag wieder am Hotel vorbeikommen werden. So können wir hier ein Materialdepot anlegen und im Hinblick auf den anstehenden langen Aufstieg unsere Rucksäcke leichter machen.
Unser Ziel ist die Cabane de Valsorey auf 3037 Metern, laut Gisela Stützpunkt für alle, die die klassische Haute Route, die Durchquerung der Westalpen von Argentière bis Zermatt oder Saas Fee gehen, den Grand Combin über den Metin Grat besteigen oder über den Col du Metin und den Corbassière Gletscher zur Cabane de Panossière gehen wollen.
Gemütlich starten wir auf breiten Wanderwegen, zunächst durch den Wald, dann vorbei an Wiesen und dank der dünnen Wolkenschicht direkt über dem Tal und einem strahlend blauen Himmel über uns mit einer ganz besonderen Stimmung. Es sieht erneut nach einem sonnigen Tag aus und das schöne Wetter erweist sich als zuverlässiger Begleiter.
Die Baumgrenze haben wir schon länger hinter uns gelassen und gehen nun über einen aussichtsreichen Rücken – zunächst im Westen wieder mit Blick auf das Mont Blanc-Massiv und schließlich auch wieder auf den eigentlichen Mont Blanc-Gipfel. Irgendwann dominiert dann der Blick auf den viel näheren Mont Vélan, der auch das Panorama von der Großen St. Bernhard-Passstraße und von der Passhöhe aus beherrschen soll. Nachdem wir inzwischen auch ausgesetzter unterwegs sind, legen wir auf einem grasbewachsenen Vorsprung in 2700 Metern Höhe eine der versprochenen Pausen ein und bestaunen den gegenüberliegenden Bergstock mit der zunächst noch schwer auszumachenden, futuristisch gestalteten Vélan-Hütte. Sie thront, ähnlich wie die Cabane de Panossière, auch auf einer Moräne.
Der weitere Anstieg erfolgt ausschließlich in Fels, Geröll und über Blockwerk und in einigem Auf und Ab. Als es mal wieder ums Eck geht, ist – wenn auch noch weit über uns und noch winzig klein - endlich das heutige Hüttenziel zu erkennen. Nach einer weiteren Querung gilt es für die letzten Höhenmeter noch eine halbe Stunde durchzuhalten. Endlich oben angekommen sind sowohl die Erleichterung als auch der Durst groß. Unser letztes Quartier ist eine putzige, urige Hütte und während unserer Tour die einzige mit Klohäuschen draußen und Waschgelegenheit am Brunnen vor der Hütte. Geführt wird sie von einer sehr engagierten und herzlichen Wirtin, die uns lecker bekocht. Nach der langen Tour treibt uns die Müdigkeit heute ziemlich früh zur letzten Nachtruhe im coronagerechten Lager, das wir für uns haben.
Dienstag – letztes Highlight
Der Wetterbericht hat nicht zu viel versprochen. Über Nacht hat es aufgeklart und morgens schwärmen manche von dem herrlichen nächtlichen Sternenhimmel, wobei die Sonnenaufgangsstimmung und die sensationelle Aussicht auf das Mont Blanc-Massiv und den Mont Blanc auch allererste Sahne sind. Aus dieser Perspektive dominiert der Monarch das Massiv deutlich und von der aufgehenden Sonne angestrahlt leuchtet er in der klaren Luft rot und weiß. Einen schöneren Abschied von hier oben hätten wir uns nicht wünschen können, und das Versprechen auf das letzte Highlight der Tour ist damit auch erfüllt.
Weil wir – vermutlich zum Leidwesen der Morgenmuffel - schon wieder um 6 Uhr frühstücken, starten wir nach dem optionalen Zähneputzen bei -3 Grad am Brunnen mit einer dünnen Eisschicht schon viertel nach sieben. Vorher ist noch Zeit für einen Blick steil nach oben zum Grand Combin de Valsorey 1150 m über uns, dem westlichen der drei Hauptgipfel des Grand Combin.
Für den Abstieg wählen wir heute – auch im Hinblick auf den Bus nach Orsière kurz vor eins - den einfacheren und deutlich kürzeren Normalweg zurück zum Materialdepot im Hotel mit ‚nur‘ 1400 Hm. Zunächst können wir immer noch die freie Sicht auf den höchsten Gipfel der Alpen und seine Trabanten genießen. Unter uns im Val Sorey liegt ein Schaumbad, das sich bald auflöst.
Dank des unfreiwillig frühen Frühstücks sind wir so früh zurück in Bourg St. Pierre, dass wir uns vor der Busfahrt noch mal mit Heidelbeerkuchen und leckeren Croissants stärken können. Wie geplant sind wir gegen 15:00 wieder zurück in Martigny und treten die mindestens viereinhalb-stündige Heimfahrt an.
Hinter uns liegt eine ereignisreiche Woche mit Bilderbuchwetter und spannenden, abwechslungsreichen Strecken, die unsere Gebietskennerin Gisela zusammengestellt hat. Wir freuen uns mit ihr, dass alles so gut geklappt hat, und sind nun gespannt, welche Tour sie fürs nächste Jahr ausarbeiten wird.

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